Ein Problem, das sich nicht von heute auf morgen lösen lässt

Du siehst mich... nicht: Bettelnder Mann in Alt-Tegel. Nicht alle Kirchentagsbesucherinnen und -besucher sind den Anblick so vieler Obdachloser auf der Straße gewohnt

Foto: imago/Jürgen Ritter

Du siehst mich... nicht: Bettelnder Mann in Alt-Tegel. Nicht alle Kirchentagsbesucherinnen und -besucher sind den Anblick so vieler Obdachloser auf der Straße gewohnt

Ein Problem, das sich nicht von heute auf morgen lösen lässt
Die Besucherinnen und Besucher des Kirchentags werden in Berlin auch auf sie treffen: Obdachlose Menschen, die ohne festen Wohnsitz sind und die vielfach auf der Straße leben. In der Stadt gibt es einige Initiativen, um ihnen zu helfen.

Die Besucherinnen und Besucher des Kirchentags werden in Berlin auch auf sie treffen: Menschen, die ohne festen Wohnsitz sind und die vielfach auf der Straße leben. Die Gäste werden sich vielleicht noch wundern, wenn in der S-Bahn die Fahrgäste ihre Pfandflaschen aus den Taschen holen, um sie Obdachlosen auszuhändigen. Wenn sie eine der Straßenzeitungen in der Hand halten, die von den wohnsitzlosen Menschen selbst gemacht und verkauft werden, wird ihnen das vielleicht schon nicht mehr fremd sein.

Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), will verstärkt gegen die Obdachlosigkeit in der Stadt vorgehen. Das Hauptproblem sei derzeit, notwendigen Wohnraum für Bedürftige zu finden, sagte Müller dem Evangelischen Pressedienst (epd). Deshalb diskutiere der Senat darüber, "nicht genutzte Unterkünfte für Flüchtlinge auch für andere Nutzergruppen zu nutzen". Schätzungen zufolge leben in Berlin bis zu 8.000 Menschen auf der Straße, mehr als die Hälfte von ihnen sollen aus Osteuropa stammen.

Müller betonte, das Problembewusstsein sei da: "Aber wir können nicht das Problem von heute auf morgen lösen". Es handele sich um einen "Prozess über mehr Personal, über Sozialarbeit bis hin zu den Wohnungskapazitäten". Mit Blick auf den Wohnungsbau, den der Senat ankurbeln will, verwies Müller auf "Programme, über städtische Gesellschaften Wohnraum anzubieten, um Menschen wieder integrieren zu können". Auch bei neugebauten Wohnungen städtischer Wohnungsgesellschaften sichere sich die Stadt Belegungsrechte für Bedürftige.

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Allerdings würden viele Obdach- und Wohnungslose durch Straßensozialarbeit und eine verbesserte Wohnraumversorgung gar nicht erreicht, sagte der SPD-Politiker weiter: "Da stoßen wir mit politischen Initiativen auch an Grenzen: Wir erreichen diese Menschen einfach sehr schwer."

So kämen viele Menschen als Arbeitsmigranten aus Osteuropa: "Die sind nicht in erster Linie auf Wohnungssuche", betonte Müller. Auch für Menschen, "die seit Jahren obdachlos sind, wird es irgendwann sehr schwer, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren". Für diese Gruppe brauche es "eine begleitende Sozialarbeit, eine fürsorgende Unterstützung und emotionale Stütze, damit diese Menschen die Angebote zur Wiedereingliederung überhaupt annehmen".

Helge war einer der vielen Obdachlosen in Berlin. In einer Baptistengemeinde erlebte er ein Erweckungserlebnis, entschied sich für zwei Jahre Entzug und machte sich dann auf den Weg nach Santiago de Compostella. Helges Geschichte, erzählt im Deutschlandfunk, finden Sie hier als Multimedia-Pageflow.

Info Obdachlosigkeit in Deutschland

Sie leben auf der Straße, in Parks oder unter Brücken. Wie viele obdachlose Menschen es in Deutschland gibt, ist nicht genau bekannt:

- Als obdachlos gelten Menschen ohne Unterkunft, aber auch Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben und in Wärmestuben, Notschlafstellen oder anderen Noteinrichtungen übernachten. Als wohnungslos gelten Menschen, die ohne Mietvertrag beispielsweise in Notunterkünften, Asylen oder Übergangseinrichtungen untergebracht sind.

- Im Jahr 2014 waren nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe etwa 335 000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung, etwa 18 Prozent mehr als 2012. Die Zahl der Menschen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße lebten, stieg demnach seit 2012 um 50 Prozent von etwa 26 000 auf 39 000. Die meisten Wohnungslosen waren alleinstehende Männer.

- Zur Obdach- oder Wohnungslosigkeit können Jobverlust und finanzielle Probleme, Schicksalsschläge oder psychische Probleme wie Depressionen oder Alkohol- und Drogensucht führen.

- Das Leben auf der Straße macht krank. Typisch sind chronische Entzündungen und Hautkrankheiten, viele Obdachlose sind von Läusen befallen. Sie scheuen jedoch einen Arztbesuch, weil sie keine Krankenversicherung oder Angst vor Behörden haben. Soziale Organisationen wie Caritas und Diakonie versuchen, mit medizinischen Ambulanzen und Arztmobilen zu helfen.

- Bei frostigen Temperaturen verschärft sich die Situation für Menschen, die im Freien übernachten. Sie sind von Erfrierungen, Unterkühlung oder sogar Kältetod bedroht. Um dies zu verhindern, sind in Großstädten wie Berlin und Frankfurt am Main nachts Kältebusse unterwegs, um Obdachlose mit Isomatten, Schlafsäcken und heißen Getränken zu versorgen oder sie in Notunterkünfte zu bringen.