Diakonie-Präsident: "Wir müssen uns ändern"

Rüdiger Schuch, Diakonie-Präsident, steht vor heller Wand mit Blick in Kemera.

© epd-bild/Hans Scherhaufer

Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch zu den Konsequenzen, die er aus den Ergebnissen der Studie zieht.

Konsequenz aus ForuM-Studie
Diakonie-Präsident: "Wir müssen uns ändern"
Die am Donnerstag vorgestellte Studie über das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und ihrem Sozialverband (ForuM) hat Erschütterung ausgelöst.

Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch sagte in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst, dass auch verbandliche Strukturen auf den Prüfstand zu stellen seien, die Transparenz bislang verhindern.

epd: Die ForuM-Studie bescheinigt, dass es sexualisierte Gewalt nicht nur in speziellen, sondern allen Bereichen der evangelischen Kirche und Diakonie gegeben hat. Verändert das Ihr Bild von der eigenen Kirche?

Rüdiger Schuch: Nein, denn der Befund der Studie bestätigt meine Vermutung, dass wir es mit tiefsitzenden kulturellen und strukturellen Problemen in Diakonie und Kirche zu tun haben. Hinzu kommt, dass unsere föderale Struktur eine systematische Aufarbeitung - auch von Akten - sehr erschwert. Dies gilt eins zu eins auch für die Diakonie. Die Studie zeigt überdeutlich: Wir müssen uns ändern. Ich bin den Betroffenen und den Forschenden der Studie sehr dankbar für die Hinweise, die sie uns dazu geben. Wir stehen in der Verantwortung.

Die Studie gibt Empfehlungen, konkret etwa für die Einrichtung einer zentralen Ombudsstelle, die auch von Betroffenen gefordert wird. Wird es die geben?

Schuch: Ich unterstütze diesen Vorschlag. Betroffene müssen auch außerhalb von Kirche und Diakonie eine Stelle finden, bei der sie sich melden können. Wir wollen das. Wir werden mit dem Beteiligungsforum der EKD, der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) und externen Fachleuten eine Lösung entwickeln - so schnell wie möglich.

Aber es braucht noch viel mehr, auch den Druck von außen: Ich werde mich dafür einsetzen, dass das angekündigte staatliche Aufarbeitungsgesetz bald kommt. Es würde Betroffenen einen Rechtsanspruch auf Aufarbeitung ihrer Fälle geben - und zwar nach einheitlichen und klar definierten Standards.

In der Gemeinsamen Erklärung von Kirche und Diakonie mit der UBSKM vom Dezember sind noch weitere Maßnahmen aufgeführt, wie die Bildung regionaler Aufarbeitungskommissionen mit unabhängigen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Justiz und öffentlicher Verwaltung, Betroffenen sowie Vertreterinnen und Vertretern der Landeskirchen und der Diakonie. Die Expertinnen und Experten werden durch die jeweiligen Landesregierungen benannt. Das ist aus meiner Sicht ein sehr wichtiger Schritt in Richtung einer standardisierten Aufarbeitung aller Fälle in Kirche und Diakonie.

Das Forschungsteam hat kritisiert, dass anders als geplant nahezu in allen Landeskirchen und diakonischen Verbänden die Personalakten nicht eingesehen werden konnten. Was hat für den Bereich der Diakonie die Transparenz verhindert?

Schuch: Auch das müssen wir prüfen und ändern. Die ForuM-Untersuchung hat uns - mit den Worten des Studienleiters Martin Wazlawik - die Spitze der Spitze des Eisbergs aufgezeigt. Es gibt riesige Lücken in verschiedener Hinsicht. ForuM beleuchtet ja nur sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Was ist mit den Erwachsenen? Mit Menschen in Behinderten- und Alteneinrichtungen oder in Beratungsstellen? Die sind bisher nicht erfasst. Und genauso verhält es sich mit der Quellenlage. Wir werden alles dafür tun, dass den Betroffenen Gerechtigkeit widerfährt. Daher müssen wir auch unsere verbandlichen Strukturen und Kulturen auf den Prüfstand stellen.

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