© Stella Berker / ruach.jetzt
"Fenster öffnen, die Außenwelt wahrnehmen" - Das ist einer der Tipps von Religionswissenschaftlerin Lisa Menzel.
Gearbeitet an dem Buch hat Lisa Menzel gemeinsam mit dem katholischen Theologen Tobias Sauer und Mitarbeitenden des ruach.jetzt-Verlags.
evangelisch.de: Was hat Dich dazu motiviert, das Buch zu schreiben? Gibt es eine eigene persönliche Erfahrung?
Lisa Menzel: Das Buch ist eigentlich die logische Schlussfolgerung unserer Arbeit der letzten Jahre, weil es das zusammenfasst, was wir vorher schon gemacht haben: Auf uns kamen immer wieder Menschen zu, die einfach auf der Suche sind, weil sie in der Kirche nicht ihre Heimat gefunden haben und Unsicherheit in ihrer Glaubenspraxis verspüren. Diese Unsicheren wollen wir mit unserem Buch ansprechen, das ist unsere Zielgruppe. Wir erleben, dass es kaum Angebote für sie gibt. Wir möchten mit unserem Buch einen Einstieg schaffen und ein Angebot setzten, sich mit der eigenen Spiritualität auseinanderzusetzen.
"Es gibt Menschen, die sich als religiös bezeichnen, mit der Kirchenpraxis allerdings nichts anfangen können."
Wir glauben, dass Spiritualität eine Haltung ist, in die Welt zu schauen. Wenn Menschen davon ausgehen, dass es da draußen noch mehr gibt. Vielleicht wollen sie sogar auch in Beziehung treten zu diesem "Mehr". Es gibt auch jene, die sich als religiös bezeichnen, mit der Kirchenpraxis allerdings nichts anfangen können. Es gibt aber auch solche, die sich einfach mit ihrer Spiritualität beschäftigen wollen. Unser Buch richtet sich vor allem an Menschen, die ihrem Glauben noch mal eine letzte Chance geben wollen. Wir wissen allerdings nicht, warum Leute dieses Buch in die Hand nehmen und warum es sie vielleicht anspricht. Vielleicht sind sie schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil sie mit der Institution nichts zu tun haben wollten. Aber das heißt ja nicht notwendigerweise, dass sie ihren Glauben komplett verloren haben.
Im Vorwort steht, dass Glaube und Spiritualität nicht mehr als Ressourcen gesehen werden – von wem? Der Politik oder der Wirtschaft oder der Gesellschaft im Allgemeinen?
Menzel: In unserer täglichen Arbeit machen wir uns viel Gedanken darüber, wie wir Menschen erreichen können, damit sie Spiritualität oder auch Glauben wieder oder überhaupt erst mal als Ressourcen für ihr eigenes Leben sehen. Das ist vielen nicht bewusst, dass Spiritualität oder Glauben Kraft geben können.
"Glaube und Spiritualität sind wichtige Ressourcen, die nicht verloren gehen dürfen."
Wir wollen dazu ermutigen, sich selbst, die anderen und die Welt zu betrachten. Ihnen vermitteln, dass es noch mehr da draußen geben kann. Und die Beziehung zu diesem "Mehr" ist für uns der Glaube. Glaube und Spiritualität sind wichtige Ressourcen, die nicht verloren gehen dürfen. Auch nicht, wenn man mit der Institution Kirche nichts mehr zu tun haben will.
Du bist evangelische Religionswissenschaftlerin, Tobias ist katholischer Theologe – beide habt ihr mit am Buch geschrieben. Gabe es denn Reibungspunkte oder Unterschiede?
Menzel: Im Buch geht es nicht um Konfessionen, sondern um Glauben und Spiritualität und dahingehend haben wir viele Gemeinsamkeiten. Wir sagen auch nicht, dass alle diese 40 Dinge jedem und jeder total liegen müssen. Wir begleiten die Lesenden vielmehr auf ihre Reise an verschiedene Orte. Wir machen einfach nur Vorschläge, was man machen kann. Zum Beispiel einen Moment aus dem offenen Fenster schauen. Das ist ja nichts, was einer konfessionellen Zugehörigkeit bedarf.
Du hast jetzt auch gerade eines der 40 Dinge genannt, ist das deine Lieblingsübung?
Menzel: Diese spezielle Übung von meinem Kollegen Tobias ist tatsächlich eine meiner Lieblingsübungen, weil sie so einfach ist. Tobias schlägt vor, daraus ein Ritual zu machen. Morgens Tee zu trinken ist ja noch kein Ritual. Aber morgens den Tee zu trinken und dabei fünf Minuten aus dem offenen Fenster zu schauen, das kann schon ein Ritual werden, weil man irgendwie aufmerksam wird für das, was um einen herum geschieht. Man kommt zu Ruhe, man startet in den Tag, man öffnet sich dem, was vor einem ist. Und öffnet sich vielleicht auch dem "Mehr" in dieser Welt.
Im Buch nehmt ihr die Lesenden mit auf eine innere Reise, ihr gebt Übungen für 40 Tage, es sind 40 Dinge, die man ausprobieren soll: Ist diese Zahl reiner Zufall oder hat sie eine besondere Bedeutung?
Menzel: Nein, natürlich ist es kein Zufall, zumal die Fastenzeit vor der Tür steht. Im Programm vom Herder-Verlag, in dem das Buch erscheint, läuft das Buch als ein moderner Fastenbegleiter. Wir haben es allerdings so gestaltet, dass man jederzeit damit anfangen kann. Man kann und soll es aber nicht einfach herunterlesen, sondern vielleicht auch mal eine Methode erst mal ausprobieren.
Eines der Dinge, die wir vorschlagen, ist, ein Tagebuch zu schreiben – dazu braucht man sicherlich ein paar Wochen, bis man so etwas in seinen Alltag integriert hat. Oder den Tag bewusst abzuschließen. Das sollte man vielleicht ein, zwei oder drei Mal ausprobieren. Wir laden die Lesenden ein, sich wirklich aktiv auf eine Reise zu begeben, wie lange man auch immer dazu brauchen mag.
Eine Reise, für die viele vielleicht gar keine Zeit haben. Wenn du jetzt eine Momentaufnahme unserer Gesellschaft machen müsstest, was würdest du sagen?
Menzel: Natürlich befinde ich mich nicht in der Position, eine komplette gesellschaftliche Analyse zu machen. In meinem Umfeld und in meiner Arbeit begegne ich aber immer wieder Menschen, die sagen "Ich glaube, aber mit der Kirche kann ich nicht viel anfangen." Ich finde das sehr positiv, da sie sich ihrer Ressourcen bewusst sind und in diesen Zeiten Kraft daraus ziehen können.
Genau das ist unser Anliegen, dass die Menschen diese Ressourcen sehen und hoffnungsvoller in diese Welt schauen zu können. Dass sie vielleicht auch eine Hoffnung für ihr eigenes Leben haben. Und genau dies gibt mir selbst Hoffnung, denn vielen Menschen, denen ich von unserem Buch und unserer Arbeit erzähle und die vielleicht gar nichts mit Kirchen zu tun haben, sind trotzdem begeistert.
KMU: Religiosität in der Gesellschaft geht zurück
Die VI. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) hat festgestellt, dass die Religiosität in der Gesellschaft insgesamt zurückgeht. Unsere Übung "Tagebuch schreiben" ist eine Idee, die Menschen wieder dazu zu bringen. In diesem Kapitel verweise ich auch auf Kira Beer und ihr Gebetstagebuch "Leere Zeilen". Sie sagt ganz explizit: "Gott ist, mit wem ich den Weg zurück zu mir finde."
Sich mit sich selbst beschäftigen, heißt auch irgendwie über Gott zu lernen, und dem kann ich zustimmen. Ich glaube, wenn man sich auf das besinnt, was einem wichtig ist, was ich vielleicht auch irgendwie in meiner Umwelt sehe, dann kann ich an mir arbeiten. Paul Tillich sagt ja auch, Gott ist das, was uns unbedingt angeht.
Welchen Stellenwert hat Kirche und Glaube in dieser heutigen Zeit?
Menzel: Säkularisierung als Theoriebegriff in der Religionswissenschaft gibt es schon lange, auch die Individualisierungsthese ist nicht neu. Somit ist Glaube und Spiritualität in der Gesellschaft eigentlich so gar nicht mehr wahrnehmbar und messbar, da die Menschen das alles ins Private, ins Individuelle mit reinnehmen.
"Glaube ist auch nicht das Gleiche wie Kirchenzugehörigkeit."
Viele sehen Glauben als etwas sehr Persönliches und wollen das nicht von einer Institution prägen lassen. Glaube ist auch nicht das Gleiche wie Kirchenzugehörigkeit. So hat eine Kirchenaustrittsstudie kürzlich ergeben, dass viele Menschen aus der katholischen Kirche austreten, weil sie sich furchtbar geärgert haben. Aus der evangelischen Kirche sind Menschen ausgetreten, weil sie ihnen gleichgültig geworden ist. Ich finde das sehr wichtig, denn man tritt aus der Institution aus, aber eigentlich hat sich der Glaube nicht verändert.
Ist dein Buch somit ein letzter Versuch, Menschen vor einem Kirchenaustritt zu bewahren?
Menzel: Schon seit Jahren wird ja kritisiert, dass die Kirche einfach eine eigene Sprache benutzt, die die Menschen nicht mehr verstehen. Einige können nicht die Gebete mitsprechen, es wird viel in Floskeln gesprochen – das sind große sprachliche Hürden. Ich glaube nicht, dass unser Buch Menschen, die fest entschlossen sind, aus der Kirche auszutreten, davon abhalten kann. Aber vielleicht kann unser Buch dazu beitragen, dass die Menschen ihre Spiritualität und ihren Glauben als Ressource sehen und dann auch irgendwann eine Gemeinschaft finden, auch im Umfeld von Kirche.
So sehe ich das Buch ehrlich gesagt auch. Wir schlagen Übungen vor für den Geist, so wie das Ignatius von Loyola mit seinen Exerzitien gemacht hat. Man kann den Körper stählen, aber auch den Geist. Aber eigentlich geht es nicht um Training, sondern um Lernen, Zugänge zu finden. Daher glaube ich, dass unser Buch eine Hilfe dabei sein kann, sich – unabhängig von Kirche – eben mit der eigenen Spiritualität, vielleicht auch mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen.
Tobias Sauer, Svenja Nordholt, Stella Berker, Marco Michalzik, Katharina Mutzbauer