Foto: Oliver Berg/dpa/Oliver Berg
Wo einst das Haus der Familie Genç stand, klafft heute eine Baulücke. Das linke Bild zeigt das Gebäude nach dem Brandanschlag, das rechte Foto das heute unbebaute Grundstück.
Der Anschlag schockiert Deutschland und löst weltweit Entsetzen aus: Fünf Frauen und Mädchen einer türkischstämmigen Großfamilie sterben in der Nacht zum Pfingstsamstag 1993 in Solingen, nachdem vier junge Neonazis ihr Haus in Brand gesteckt haben. Das bis dahin schwerste fremdenfeindliche Verbrechen in der bundesdeutschen Geschichte jährt sich am 29. Mai zum 25. Mal. Bis heute wachse der Hass auf Ausländer und sei die Gefahr rechter Gewalt nicht gebannt, warnen Experten.
Neunzehn Menschen schliefen in ihren Betten in der Unteren Wernstraße 81, als das Inferno begann. Eine 27-jährige Frau sprang vor den Augen der Feuerwehrleute in den Tod, eine 18-Jährige und drei Mädchen im Alter von vier bis zwölf Jahren erstickten und verbrannten in den Flammen. Acht Bewohner wurden schwer verletzt. Die Überlebenden und Angehörigen der Opfer leiden bis heute unter den körperlichen und seelischen Folgen. Das Bild vom Haus mit dem ausgebrannten Dachstuhl ging um die Welt. In den folgenden Tagen zogen türkischstämmige Jugendliche und Autonome teils randalierend durch die Stadt.
Täter nach Haftstrafen inzwischen in Freiheit
Die vier Täter aus der Neonazi-Szene wurden 1995 vom Düsseldorfer Oberlandesgericht wegen fünffachen Mordes, 14-fachen versuchten Mordes und besonders schwerer Brandstiftung zu Höchststrafen verurteilt. Der 23-jährige Markus G. erhielt 15 Jahre Haft, gegen die drei Mittäter im Alter von 16 bis 20 Jahren wurden zehn Jahre verhängt. Alle vier sind seit Jahren wieder in Freiheit.
Der heimtückische Anschlag sei in einer aufgeheizten Stimmung verübt worden, sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er verwies auf die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen sowie den Mordanschlag in Mölln mit drei Toten in den Jahren 1991 und 1992.
Eine aggressive Asyldebatte hatte ein fremdenfeindliches Klima geschürt. Drei Tage vor dem Solinger Anschlag schränkte der Bundestag das Asylrecht drastisch ein. Es mache ihm Sorgen, dass auch heute Flüchtlingsheime angegriffen würden und eine aggressive Stimmung gegen Juden und Muslime herrsche, sagte Laschet. "Gesamtgesellschaftlich ist die Lage aber trotz der Hetze mancher Gruppen gelassener und ruhiger als vor dem Solinger Anschlag."
Forscher sieht weiter Gefahr rechten Terrors
Dem widerspricht der Düsseldorfer Rechtsextremismus-Forscher Alexander Häusler und fordert "eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber politischen Versuchen, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gesellschaftsfähig zu machen". Die Gefahr des rechten Terrors sei seit den 90ern nicht gebannt und es sei sogar zu befürchten, "dass sich eine Tat wie die in Solingen wiederholt". Seit Jahren steige der Anteil an Menschen, die Hass gegenüber Migranten hegen.
"Eine Politik der Angst und Ausgrenzung bestärkt rechtsextreme Menschen in ihren Ansichten, so dass sie eher zu gewaltsamen Angriffen auf Ausländer bereit sind", warnte Häusler. In den vergangenen Jahren hätten "auch bislang der Polizei unbekannte Bürger Brandsätze auf Flüchtlingsheime geworfen".
Wo in Solingen einst das Haus der Familie Genç stand, klafft heute eine Baulücke. Fünf Kastanienbäume und ein Gedenkstein erinnern an die Todesopfer. Außerhalb der City steht ein Mahnmal aus einem zerrissenen Hakenkreuz und Tausenden Metallringen.
Mevlüde Genç rief bereits kurz nach dem Anschlag zu Versöhnung auf. Die heute 75-Jährige verlor bei dem Verbrechen zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte. Noch immer höre sie die Schreie ihrer Kinder, ihr Schmerz werde nie enden, sagte Genç dem epd. An Wegzug habe sie nie gedacht: "Solingen ist zu meiner Heimat geworden und ich möchte hier bleiben, bis ich sterbe."
Genç wünscht sich friedliches Zusammenleben
Genç nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an, für ihre Haltung erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Am 29. Mai nimmt sie mit ihrem Mann Durmus an den Gedenkveranstaltungen von Stadt und Land in Düsseldorf und Solingen teil. Mit "tiefer Trauer" nahm sie auf, "dass das Gedenken an den wichtigsten Tag meines Lebens von politischen Auseinandersetzungen überschattet wird": Die geplante Rede des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu in Solingen ist wegen des türkischen Wahlkampfs umstritten. "Wir sollten in diesem Land friedlich und liebevoll zusammenleben und keinen Unterschied machen zwischen den Nationalitäten", wünscht sich Mevlüde Genç als zentrale Botschaft des 29. Mai. "Wir sind doch alle Menschen und sollten als Geschwister leben."
Deutschlands dunkle Kapitel
Der Brandanschlag von Solingen gehört zu den folgenschwersten fremdenfeindlichen Verbrechen in Deutschland. Die ausländerfeindliche Gewalt erreichte kurz nach der Wiedervereinigung und vor dem Hintergrund hitziger Asyldebatten Anfang der 90er Jahre einen traurigen Höhepunkt. Bis heute werden jedes Jahr hunderte rechtsextrem motivierte Gewalttaten in Deutschland gezählt. En Überblick über einige der unheilvollsten Anschläge seit 1990:
HOYERSWERDA, September 1991: Randalierer attackieren in der sächsischen Stadt eine von Ausländern bewohnte Asylunterkunft. Sie werfen Molotow-Cocktails und Stahlkugeln. Zahlreiche Anwohner beobachten das Geschehen ungerührt und applaudieren den Tätern. Bei den Angriffen werden 32 Menschen verletzt.
HÜNXE, Oktober 1991: Drei Skinheads zünden in der niederrheinischen Gemeinde mit einem Molotow-Cocktail ein Asylbewerberheim an. Zwei libanesische Mädchen erleiden schwere Brandverletzungen.
ROSTOCK, August 1992: Eine Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für Vietnamesen in Rostock-Lichtenhagen (Mecklenburg-Vorpommern) werden von mehreren hundert teils rechtsextremen Tätern angegriffen. Sie stecken das Wohnheim in Brand - angefeuert von Tausenden Schaulustigen, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behindern. Die Bewohner können sich in letzter Sekunde retten. Diese Übergriffe gelten als die massivsten rassistisch motivierten Ausschreitungen der deutschen Nachkriegsgeschichte.
MÖLLN, November 1992: Bei einem Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus in der schleswig-holsteinischen Stadt kommen drei Frauen ums Leben. Neun Menschen werden verletzt.
SOLINGEN, Mai 1993: Vier junge Neonazis stecken das Haus einer türkischen Großfamilie in Brand. Fünf Bewohnerinnen im Alter von vier bis 27 Jahren sterben. Acht Menschen werden schwer verletzt, drei von ihnen lebensgefährlich.
MAGDEBURG, Mai 1994: Rechtsextreme Jugendliche jagen eine Gruppe von Schwarzafrikanern stundenlang durch das Zentrum der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt. Sechs Menschen werden verletzt.
GUBEN, Februar 1999: Eine Hetzjagd rechtsextremer Jugendlicher auf Afrikaner im brandenburgischen Guben endet mit dem Tod eines 28-jährigen Algeriers.
EGGESIN, August 1999: Fünf Rechtsextremisten prügeln in der Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern zwei Vietnamesen fast zu Tode.
KÖLN, Juni 2004: Ein Nagelbomben-Anschlag erschüttert die überwiegend von Türken bewohnte Keupstraße in Köln-Mülheim. Dabei werden 22 Menschen teils lebensgefährlich verletzt. Der Anschlag wird inzwischen der Neonazi-Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zugeschrieben, der zwischen 2000 und 2007 außerdem zehn weitere Morde an Migranten und einer Polizistin angelastet werden.
ESCHEBURG, Februar 2015: Ein Finanzbeamter legt Feuer in einer leeren Doppelhaushälfte, in die eine irakische Flüchtlingsfamilie einziehen sollte. Auf den Angriff folgt im Jahr 2015 - dem Jahr mit dem stärksten Flüchtlingszuzug - eine Anschlagsserie: Es werden mehr als 1.000 Überfälle, Sprengstoffanschläge, Brandstiftungen sowie Körperverletzungen verzeichnet. Im Gegensatz zum Vorjahr hat sich die Zahl verfünffacht, 2014 sind es "nur" knapp 200 Attacken.
HEIDENAU, September 2015: Jugendliche schlagen mit Bierflaschen auf vier Asylbewerber aus Pakistan ein. Zwei der vier jungen Männer erleiden Kopfplatz- und Schürfwunden. Die sächsische Stadt sorgt schon zuvor durch tagelange fremdenfeindliche Ausschreitungen für Schlagzeilen. Auslöser ist die geplante Unterbringung von bis zu 600 Flüchtlingen in einem ehemaligen Baumarkt. Rechte Gruppen und Anwohner verletzen mehr als 30 Polizisten mit Böllern und Steinen.
FREITAL, Juli bis November 2015: Die achtköpfige "Gruppe Freital" verübt im thüringischen Freital und in Dresden fünf Sprengstoffanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte sowie politische Gegner. Die Mitglieder radikalisieren sich zuvor innerhalb kürzester Zeit. Das Oberlandesgericht Dresden stuft die Gruppe 2018 als terroristische Vereinigung ein.
JÜTERBOG, 2016: Ein 21-Jähriger setzt mit zwei Brandsätzen eine Gardine einer Unterkunft für alleinreisende minderjährige Flüchtlinge in Flammen. Die Idee zu dem Anschlag stammt offenbar vom rechtsextremen Vater des Täters, der auch die Brandsätze anfertigt. In der brandenburgischen Stadt wird zuvor nach einem NPD-Aufmarsch bereits ein Flüchtlingstreff durch einen Anschlag zerstört.
KREMMEN, April 2017: Unbekannte werfen zwei Molotow-Cocktails auf ein Gelände mit mehreren Häusern, in denen Asylsuchende in Brandenburg leben. Es wird niemand verletzt. Im Jahr 2017 werden insgesamt rund 2.200 Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte gezählt.