Foto: epd-bild/Heiner Heine
In der Herrnhuter Brüdergemeinde, der größten evangelischen Kirche in Surinam, engagieren sich Christinnen für die Gleichberechtigung. Koordinatorin Muriel Held ist hier im Gespräch mit Schülerinnen.
Im tropischen Naturparadies Surinam bewegt sich etwas. Kirchen, Ministerien und Unternehmen ergreifen Partei in dem südamerikanischen Land. Zu lange sei man nachsichtig mit Männern gewesen, die ihre Frauen und Kinder schlagen, erklärt Margo Bean, Direktorin der Stiftung "Stop Geweld Tegen Vrouwen" (Stoppt Gewalt gegen Frauen). Doch nun gehe die Gesellschaft dagegen vor. Die Kooperation überspringt religiöse und ethnische Grenzen in Surinam, aus dem die Lieder und Texte für den diesjährigen christlichen Weltgebetstag der Frauen am 2. März kommen.
"Wir sind Anlaufpunkt für Frauen und Mütter, die aus dem Teufelskreis von Schlagen-Vergeben-Wieder-Schlagen herauswollen", sagt Bean. "Und für Männer, die so erschreckt sind über die eigene Brutalität, dass sie lernen wollen, ihre Aggressionen anders auszuleben." Mittlerweile schule die Organisation Lehrer und Polizisten, damit sie den richtigen Umgang mit Opfern und Tätern finden.
Jedes fünfte Mädchen ist schwanger, bevor es 17 ist
Häusliche Gewalt ist unter den 550.000 Einwohnern Surinams kein Arme-Leute-Problem und auch nicht auf bestimmte Glaubensgemeinschaften beschränkt. Obwohl langsam ein Umdenken einsetzt, ist die Realität oft schwierig. "Wenn junge Frauen vom Lande, egal welcher ethnischen Herkunft, in der Schule oder Ausbildung in der Stadt lernen, dass sie die Gewalt ihrer männlichen Verwandten oder Bekannten nicht erdulden müssen, gibt es in den Dörfern Ärger", sagt Bean. "Viele bleiben dann in der Stadt, weil sie gleichberechtigt leben wollen."
Ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist für Frauen in Surinam oft schwer. Jedes fünfte Mädchen wird schwanger, bevor es 17 Jahre alt ist, und die Zahl der Teenagermütter steigt. Den Mädchen mangelt es an Aufklärung und vielfach an Selbstbewusstsein, wenn die Jungs allzu drängend werden. Der katholische Bischof Marinus Choennie beklagt, dass verantwortungsvolle männliche Rollenbilder fehlten: "Wir müssen die Familien unterstützen, vor allem die vielen 'vaterlosen' Kinder, die hier geboren werden." Das fängt bei den Schulen an. Die Kirchen versuchen, die großen Lücken im staatlichen Bildungssystem zu füllen.
Auch die Jungs mitnehmen
In der Herrnhuter Brüdergemeine, der größten evangelischen Kirche in Surinam, engagieren sich Christinnen für die Gleichberechtigung. Viele Frauen hätten beruflich Erfolg, fänden nun aber keinen Partner, weil die Männer den Anschluss verpasst hätten, berichtet Muriel Held, Biologin und Koordinatorin eines kirchlichen Bildungsprojekts, das sich an beide Geschlechter wendet: "Wir müssen auch die Jungs mitnehmen."
Große Hoffnungen setzt Surinam auf den Naturtourismus. Die Vielfalt der Flora und Fauna faszinierte vor 300 Jahren schon die Frankfurter Forscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian, die 1699 nach Surinam reiste, damals Niederländisch-Guyana. Die Ananas schmecke wie eine Mischung aus Aprikosen, Trauben, Äpfeln und Beeren, schrieb Merian. Auch heute wissen die Christinnen des Landes um die Bedeutung der Natur. "Gottes Schöpfung ist sehr gut!" setzten sie als Titel über die Liturgie für den Weltgebetstag.
Surinam
Surinam steht in diesem Jahr im Mittelpunkt des Weltgebetstags, den Frauen unterschiedlicher christlicher Konfessionen am 2. März feiern. Das tropische Land ist halb so groß wie die Bundesrepublik und das zweitkleinste Land Südamerikas (nach Französisch-Guyana).
Surinam war früher die Kolonie Niederländisch-Guyana und wurde 1975 unabhängig. Bergland mit tropischem Regenwald, das eine Wasserscheide zum Amazonasbecken bildet, nimmt einen Großteil der Landesfläche ein. Der höchste Gipfel ist 1.280 Meter hoch, während die Küstenzone von Sümpfen durchzogen ist. Die knapp 600.000 Einwohner bilden ein buntes Völkergemisch. Etwa ein Drittel der Menschen hat indische Wurzeln, etwa 18 Prozent indonesische. 38 Prozent sind Nachfahren afrikanischer Sklaven. Hinzu kommen eine kleine indianische Minderheit sowie Europäer, Araber und Chinesen. Etwa die Hälfte der Surinamer sind Christen, die meisten davon katholisch. Rund 60.000 gehören der evangelischen Herrnhuter Brüdergemeine an. Ein Viertel der Surinamer sind Hindus und mehr als 15 Prozent Muslime.
Die Wirtschaft lebt vor allem vom Bergbau und vom Holzexport. Surinam ist reich an Gold- und Bauxitvorkommen sowie an Erdöl. Das Ende des Bauxitbooms und der niedrige Ölpreis stürzten das Land aber in eine Rezession. Regiert wird das Land seit 2010 von Präsident Desi Bouterse, der früher Militärchef war und 1980 und 1990 Militärputsche anführte. Er ist wegen der Ermordung von 15 Oppositionellen 1982 umstritten. In den Niederlanden wurde er zudem in Abwesenheit wegen Kokainhandels verurteilt. Von 1986 bis 1992 gab es bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen.
Surinam liegt zwischen Französisch-Guyana und dem ehemals britischen Guyana. Die deutsche Forscherin Maria Sibylla Merian reiste 1699 nach Surinam und veröffentlichte ein viel beachtetes Buch mit Zeichnungen über die exotischen Pflanzen und Insekten.