Debatte um Spott über Religion nach Terroranschlägen

Pressefreiheit

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Debatte um Spott über Religion nach Terroranschlägen
Der tödliche Angriff auf "Charlie Hebdo" hat die Welt erschüttert. Experten debattierten über die Grenzen der Pressefreiheit, wenn religiöse Gefühle verletzt werden.

Auch drei Monate nach den Terroranschlägen in Frankreich reißt die Debatte über den Umgang mit religiösen Themen in der Berichterstattung nicht ab. Die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) rechnet mit einer zurückhaltenderen Berichterstattung von Journalisten oder Karikaturisten. "Angst ist ein Zensor", sagte die Politikerin am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Wenn Furcht sich breit mache, stehe automatisch eine Risikoabwägung im Mittelpunkt der Berichterstattung.

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 Eine Doppelseite der letzten deutschen "Charlie Hebdo"-Ausgabe vom 30.11.2017.
Die deutsche Ausgabe der französischen Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" wird eingestellt. "Morgen erscheinen die vorerst letzten 16 Seiten der deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo", teilte die Chefredaktion des Mutterblattes mit
Es gibt noch Gesprächsbedarf zum „Tatort“ mit Til Schweiger, der nichts mit dessen nächtlichen Facebook-Exzessen zu tun hat. Zum Jahrestag der Anschläge hebt Charlie Hebdo wieder Gott aufs Cover. Der DJV möchte mit jungen Menschen sprechen, GZSZ kann man bald auch in Kanada schauen, und die CSU macht einen selbst für ihre Verhältnisse schwachsinnigen Vorschlag.

Veranstaltet wurde die Diskussionsrunde von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, der Menschenrechtsorganisation "Reporter ohne Grenzen" und der "Welt". Die tödliche Attacke auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" im Januar bezeichnete Leutheusser-Schnarrenberger als Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit. "Der Anschlag hat die freiheitlich denkende Welt ins Mark getroffen." Die Karikaturisten und Redakteure seien getötet worden, weil sie von ihrem Recht Gebrauch gemacht hätten, auch die Religion mit "spitzem Stift aufs Korn zu nehmen".

Michael Rediske, Vorstandssprecher von "Reporter ohne Grenzen", plädierte für einen verstärkten Dialog zwischen den Religionen. "Nicht immer muss das geschrieben und gesagt werden, was juristisch erlaubt ist", sagte er. Aber die Presse - und Meinungsfreiheit dürfe nicht gefährdet werden. Dies gelte noch stärker für Staaten wie Kuwait, Saudi-Arabien oder Iran, in denen Menschen für religionskritische Äußerungen hart bestraft werden.

Leutheusser-Schnarrenberger wies in diesem Zusammenhang darauf hin, die Debatte neu auszurichten. Es gehe hier um ein universelles Menschenrecht, sagte die FDP-Politikerin. Zu diesem Recht gehöre auch die pointierte Kritik und der Spott. Zugleich müssten religiöse Gefühle respektiert werden. Nicht nur Muslime fühlten sich von Karikaturen verletzt.

"Menschen sollen nicht wegen ihrer Religion gedemütigt werden"

Jeder Gläubige müsse es hinnehmen, dass andere den Inhalt der eigenen Religion nicht teilen, sagte der Lehrbeauftragte für Kirchenrecht an der Universität Potsdam, Joachim Gärtner. Der ehemalige juristische Oberkirchenrat beim Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) forderte ein übergeordnetes Interesse der Gesellschaft, Teile der Bevölkerung mit einer anderen religiösen Auffassung nicht auszugrenzen. Man müsse verhindern, dass Menschen wegen ihrer Religion gedemütigt werden.

Für den Karikaturisten des in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel", Klaus Stuttmann, gibt es auch in Deutschland keine totale Meinungsfreiheit. "Man kann auch nicht über die christliche Kirche zeichnen, wie man will", sagte Stuttmann. Man solle sich nicht nur auf den Islam fokussieren. Allerdings sei hier neu, dass mit Gewalt auf Satire und Karikaturen reagiert werde.

Vor rund drei Monaten waren bei einer islamistischen Anschlagsserie in Paris 17 Menschen getötet worden. Zwölf Menschen kamen allein beim Angriff auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" ums Leben.